ArlbergWeinberg 2024: Ponikvar, Klinger, Schmitt & Zecevic (c) Gaia Cambiaggi

Österreichs Rolle in der Welt von Chardonnay & Sauvignon Blanc

Weinberg Arlberg 2024: Zwischen Weltruf und Wahrnehmung

Patrick Schmitt MW, Chefredakteur von Drinks Business, dem führenden Nachrichtenmagazin der Weinbranche, mit einem täglichen Newsletter an 32.000 Abonnenten weltweit und einem monatlichen Print Magazin (15.000 Auflage), brachte ernüchternde Antworten aus Großbritannien mit, wo jede dritte Flasche mit der Sortenbezeichnung „Sauvignon Blanc“ und durchschnittlich zu einem Preis von knapp 7 Pfund verkauft wird. Neuseeland setzt in UK die stilistische Benchmark, große Marktanteile haben auch Südafrika und Chile. Österreich scheint in der Importstatistik nur unter ferner liefen auf. Das ist auch weiter nicht verwunderlich, denn von den weltweit 150.000 Hektar Sauvignon Weinbergen liegen nur 1700 Hektar in Österreich. Und die Hälfte davon allein in der Steiermark. Die steirischen Sauvignons aber sind auf dem Heimmarkt so erfolgreich, dass nur wenige Flaschen überhaupt die Landesgrenzen überschreiten.

Cokie Ponikvar, eine 23 jährige extrem erfolgreiche Wein-Bloggerin (CokiesWorldOfWine) aus Kanada, deren informative, rasend schnelle Videos von mehr als 470.000 vornehmlich jungen Konsument:innen aus aller Welt verfolgt werden, hatte noch nie österreichische Weine verkostet, bevor sie im Sommer 2024 zur Wiener Weinmesse VieVinum eingeladen worden war. Kanada wird von österreichischer Seite zwar als sehr wichtiger Exportmarkt betrachtet (Versiebenfachung des Exportwertes in den vergangenen fünf Jahren) – aber das heißt noch lange nicht, dass die Kanadier diese Weine auch tatsächlich wahrnehmen, wie die junge Cokie unverblümt zugab.

Ganz anders war dann die Sichtweise von Aleks Zecevic, der für das US-amerikanische Magazin Wine Enthusiast über zentraleuropäische Weine berichtet und naturgemäß viel Zeit in New York verbringt. „Die meisten Restaurants, die in den letzten 15 Jahren in New York eröffnet wurden, haben steirische Weine auf der Karte.“ Grüner Veltliner sei zwar noch häufiger anzutreffen, aber davon gibt es ja bekanntlich auch bedeutend mehr (ca. 15.000 Hektar in Österreich sind mit GV bepflanzt).

Patrick Schmitt MW (c) Drinks Business
Cokie Ponikvar
Aleks Zecevic

Chardonnay: Every Countries Darling

Chardonnay ist die wichtigste Weißweinsorte der Welt. Von den weltweit insgesamt sieben Millionen Hektar Weinbaufläche sind 30 Prozent, also gut 220.000 Hektar mit Chardonnay bepflanzt. Von A wie Argentinien bis Z wie Zypern ist Chardonnay anzutreffen, und die Stile sind vielfältig, weil diese Sorte zu einer so breiten Ausdruckspalette fähig ist.

Wieviel ist der Chardonnay den Engländern wert? Nur etwas mehr als 6 Pfund wird durchschnittlich für Chardonnay bezahlt, zeigte Schmittt auf. Ausnahmen sind Champagne und Burgund oder auch der rasant wachsende Anteil englischer Weine, wo etwa ein Chardonnay aus Essex auch 40 Pfund erzielen kann. Bei den Global Masters, einem durch Drinks Business ausgetragenen Wettbewerb von Premium Weinen aus aller Welt, konnten vier Kategorien von Chardonnay ausgemacht werden. Im Einstiegsbereich bis zu 20 Pfund herrscht die größte Konkurrenz und hier bekommen WeinliebhaberInen auch wirklich gute, zuverlässige Weine geboten, oft mit Frische, schöner Sortencharakteristik und Präzision.

Im Preisbereich zwischen 20 und 30 Pfund herrschte vor allem Enttäuschung unter den Kritikern. Die Weine hielten nicht, was der Preis versprach. Die besten Weine hingegen lagen im Preisbereich zwischen 30 und 50 Pfund. Nicht billig, aber wirklich köstlich.

Die höchstbewerteten Weine zeichnen sich durch reife Frucht, gutem und eleganten Holzeinsatz, ein wenig Hefenoten, einem Hauch von Butter und Brioche, durch gute Textur und Länge aus. Vollmundige, gelbfruchtige, eher mollige Weine sind also wieder in Mode, „skinny“-Modelle, die mehr Struktur als Körper zeigen, werden von den Bewertern offenbar wieder abgestraft.

Österreicher sind Sieger bei den Global Masters

Der „Master“ – die höchste Bewertung in der Sortenkategorie aus aller Welt – wurde in diesem Jahr übrigens der Chardonnay Ried Katterstein aus dem Jahrgang 2021 vom Weingut Kollwentz, der in Großbritannien zwischen 50 und 70 Pfund kostet. Vor zwei Jahren gewann diesen Titel ebenfalls ein österreichischer Chardonnay: Der 2018er Ried Grubthal von Reinhold Muster in Gamlitz (50 Pfund). In der Kategorie „Unoaked Sauvignon“ wurde 2023 der 2019 Ried Neusetzberg vom Weingut Krispel zum Master erkoren. Im Jahr 2024 wurde der Sauvignon Ried Kranachberg von Hannes Sabathi Top-Sieger.

Arlberg Weinberg 2024: Willi Klinger & Patrick Schmitt MW (c) Gaia Cambiaggi

Warum so unbekannt?

Österreichs Chardonnays und Sauvignons sind also erfolgreich in Bewerben und werden trotzdem im Markt kaum wahrgenommen. Woher kommt das? Einerseits liegt das am insgesamt geringen Volumen der österreichischen Produktion. Andererseits aber auch an den Namen bzw. der Bezeichnung der Weine. Wenn etwa Chardonnays aus der Steiermark unter dem Namen Morillon auf den Markt kommen, ist das für den allergrößten Teil der Konsument:innen nicht zuzuordnen.

Willi Klinger merkte außerdem an, dass sich der Boom der steirischen Weine bis vor kurzem hauptsächlich im deutschsprachigen Raum abspielte. Während Österreichs Grüne Veltliner, Rieslinge und Süßweine bereits in den 1990er-Jahren in den USA Fuß fassten, konnten die Steirer trotz guter Importeure anfangs dort nicht punkten. Als Rebsortenweine waren sie zu teuer, als Terroirweine zu unbekannt. Erst durch den Sauvignon Blanc Kongress in der Steiermark 2008 und die erfolgreiche Teilnahme an internationalen Wettbewerben wie dem Concours Mondial du Sauvignon blanc stieg das Interesse. Außerdem gab es erst im letzten Jahrzehnt international hohe Bewertungen für steirische Sauvignons und Chardonnays (speziell auf robertparker.com durch Stephan Reinhardt).

Arlberg Weinberg 2024 Chardonnay & Sauvignon Tasting (c) Gaia Cambiaggi

Gruner – und war da sonst noch was?

Dazu kommt freilich auch, dass sich Österreich viele Jahrzehnte lang als Veltliner-Land positioniert hat und damit auch sehr erfolgreich war. Hat doch Österreich ein relatives Monopol auf diese Sorte.

Erst 2008 wurde eine Wende eingeleitet, als der erste weltweite Sauvignon Blanc Kongress in der Steiermark abgehalten wurde und man sich mit der Frage beschäftigte, ob Sauvignon Blanc überhaupt zu den großen Rebsorten der Welt zähle.

Auch bei einer Degustation, die in Folge in Neuseeland stattfand, setzte man sich mit den Stilistiken und der Wiedererkennbarkeit von Sauvignon Blanc auseinander.

Recht eindeutig verortete man die Weine mit intensiv-aromatischer, tropischer Frucht in Marlborough (NZ), während die Weine der Loire einen unverwechselbaren mineralischen vertikalen Stil zeigten. Die Steirischen Sauvignons wiederum charakterisierten sich durch einen gelbfruchtigen Typus mit guter Frische – also das Beste aus zwei Welten.

Arlberg Weinberg 2024 Chardonnay & Sauvignon Tasting (c) Gaia Cambiaggi
Arlberg Weinberg 2024 Chardonnay & Sauvignon Tasting (c) Gaia Cambiaggi

This is just the beginning

Es war also erst zu Beginn der 2000er-Jahre, dass Sauvignons aus der Steiermark einen ersten Auftritt auf der Bühne der Fine Wines hatten. Einen wirklich fixen Platz haben sie dort noch nicht, auch wenn sich die Flächen in der Steiermark seither verdoppeln haben. Was fehlt, ist die Wahrnehmung.

Patrick Schmitt MW etwa empfahl eine Listung auf der Place de Bordeaux, um sich eine Position im Kanon der großen Weine der Welt zu sichern. Österreich ist nämlich – mit Ausnahme der Süßweine vom Weingut Kracher – auf der Place nicht vertreten.

Ein weiterer Vorschlag von Patrick Schmitt MW: eine Blindverkostung der renommiertesten (teuersten) Sauvignon-Weine und -Blends der Welt, also auch inklusive Haut-Brion, Screaming Eagle, Ornellaia etc. Vor allem aber scheint es Schmitt wichtig, ein umfassendes Archiv anzulegen. „Die Größe eines Weines liegt darin, dass er mit den Jahren immer besser wird. Das muss man beweisen können.“

Mehr als eine Sorte: Steirisches Terroir

Aleks Zecevic outete sich als großer Fan der steirischen Weine. „Während andere Regionen wie Kalifornien oder auch das Burgenland Chardonnay pflanzten, um Weine wie in Burgund zu machen, wuchsen in der Steiermark die Chardonnay Reben schon seit Generationen – nur wussten die Winzer nicht, dass es Chardonnay war. In der Steiermark entwickelte sich eine sehr eigene Herkunftsstilistik: Weine, die ihre Lagen und ihre Böden ausdrücken und sich nicht an anderen Regionen orientieren.

Chardonnay ist ja deshalb eine der größten Sorten der Welt, weil sie die Herkunft der Weine reflektiert.“ Und Sauvignon ist in der Steiermark auch viel weniger vordergründig aromatisch, sondern mehr von den Weinbergen geprägt. Das ist auch wichtig, denn die Steiermark hat extreme Bedingungen: Mit enorm steilen Weinbergen und dem wohl höchsten Regenfall in ganz Europa.

Daher scheint es auch wichtig, die Herkunft – die Region, die Lagen – in den Vordergrund zu stellen. Denn die Herkunft ist nicht austauschbar, wie es der Sortenname ist. Hochwertige Weine werden immer über ihre Herkunft vermarktet, nicht über die Sorte.

Social Media, bitte!

Hier kam Cokie Ponikvar wieder zu Wort: „Warum zeigt Ihr nicht, wie ihr arbeitet? Ihr seid doch täglich in diesen unglaublichen Steillagen, nehmt die junge Generation mit dort hin, zeigt Videos von Eurer heldenhaften Arbeit. Wenn die Weine nicht bekannt sind, liegt es nicht an der Qualität, denn die ist unfassbar groß. Aber es liegt daran, dass Ihr nicht gut kommuniziert. Das beginnt bei der Sprache – wie kann Euch die Welt folgen, wenn Ihr nicht auf Englisch postet?

Sagt nicht, die Jugend interessiert sich nicht für Wein. Das Gegenteil ist der Fall – aber Ihr müsst Eure Geschichte auf Social Media erzählen, die Menschen in aller Welt an Eurer Welt teilhaben lassen. In den Monopolläden in Kanada gibt es wenig Beratung, da helfen Social Media, die Geschichte der Herkunft und der Arbeit zu erzählen. Und die Sommeliers sind so wichtig, aber wie können sie etwas von Euren Weinen erzählen, wenn Ihr ihnen keine Möglichkeit gebt, diese Dinge zu erfahren.“

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